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Grenzlanddeutsche pl., Grenzdeutsche, Substantiv, Femininum, Sammelbezeichnung. Völkisches Schlagwort und politischer Kampfbegriff, der nach 1918 in Deutschland entstanden ist. Erklärtes Ziel der Völkischen war es, alle Deutschen des geschlossenen deutschen Sprach- und Siedlungsgebietes in einem völkischen Nationalstaat (Alldeutschland) politisch zu vereinen.

Nach amtlichen Angaben lebten 1941 nur noch rund 100 400 Grenzlanddeutsche außerhalb des damaligen Großdeutschen Reiches.

Etymologie

Grenzlanddeutsche als außenpolitische Bezeichnung leitet sich von der Tatsache ab, dass diese nach der Reichsgründung 1871 außerhalb der deutschen Grenzen lebten, räumlich jedoch mit dem übrigen deutschen Sprach- und Siedlungsgebiet verbunden waren.[1][2]

Synonyme

Grenzlanddeutsche wurden auch wie folgt bezeichnet:

Chronik

Grenzlanddeutsche wurden 1871–1918/19 mehrheitlich als Auslandsdeutsche und Volksdeutsche bezeichnet.

Ende des I. Weltkrieges (1914–1918) wurden weite Teile des Wilhelminischen Kaiserreiches und Österreich-Ungarns an neuentstandene Nachbarstaaten abgetreten. Die Deutschen in den abgetretenen Gebieten erhielten eine neue Staatsangehörigkeit und wurden Polen, Litauer, Ungarn, Tschechoslowaken oder Slowenen deutscher Muttersprache. Zudem wurden sie vonseiten ihrer neuen Heimatstaaten einem starken Assimilationsdruck ausgesetzt.

Das Bestreben, auch in den neuen Staaten Polen, Litauen, Ungarn usw. weiterhin sprachlich-kulturell Deutsche zu bleiben, wurde in den 1920er-Jahren von der Völkischen Bewegung zum „Grenzkampf“ oder zum „Kampf des Grenzlanddeutschtums“ hochstilisiert, der zugleich auch einem Sprachen- oder Nationalitätenkampf gleichkam.

Von den rund 2,2 Millionen Grenzland- und Volksdeutschen in Polen wanderten bis 1927 fast 1 Million ins benachbarte Deutschland aus. 1933–1938 schlossen sich zudem zahlreiche Grenzlanddeutsche sogenannter Volksdeutschen Bewegungen an, die sich deutschvölkisch definierten und ideologisch dem Faschismus oder dem Nationalsozialismus nahestanden.

1938/39–1945 waren die meisten Grenzlanddeutschen unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zum Großdeutschen Reich zusammengefasst worden, welches auch zahlreiche nichtdeutsche Bevölkerungsteile in sich beinhaltete. Nach dem II. Weltkrieg (1939–1945) wurde der Begriff Grenzlanddeutsche politisch aufgegeben.

Umfang der Grenzlanddeutschen

Die nachfolgende Tabelle zeigt, was man im Jahre 1927 unter dem Begriff Grenzlanddeutschtum verstand.

Gebiet Zahl der dort wohnenden Deutschen
Elsass-Lothringen 1 634 260
Luxemburg 200 000
Eupen-Malmedy 50 000
Kanaltal 5 622
Südtirol 235 000
Südkärnten 25 000
Untersteiermark 60 000
Tschechoslowakei 3 500 000
Polen 1 200 000
Memelland 140 000

Alles addiert ergibt dieses eine Zahl von mindestens 7 373 882 Grenzlanddeutschen. Bei Inaugenscheinnahme dieser Tabelle fällt auf, dass einige Gebiete fehlen, in denen ebenfalls Deutsche wohnen und die in diesem Fall ebenso als "Grenzlanddeutsche" zu gelten hätte. So werden die Schweiz, das Liechtenstein und Nordschleswig sowie die Deutschösterreich nicht aufgeführt.

Ebenso fehlen die deutschen Siedlungsgebiete in Alt-Belgien und es werden die deutschen Walsergebiete im italienischen Aostatal sowie der Freistaat Danzig nicht aufgeführt.

Die nachfolgende Tabelle aus dem Jahr 1941 stellt das Grenzlanddeutschtum aus der Sicht des Jahres 1933 dar.

Gebiet Zahl der dort wohnenden Deutschen
Österreich 6 800 000
Liechtenstein 10 200
Luxemburg 23 000
(Alt-)Belgien 50 000
Elsass und Lothringen 1 634 000
Eupen-Malmedy 53 600
Nordschleswig 40 200
Danzig 348 500
Memelgebiet 93 700
Ost-Oberschlesien 300 800
Hultschin 14 000
Sudentenland 3 071 000

Wenn diese Zahlen addiert werden, dann lebten aus der Sicht des Jahres 1941 im Jahre 1933 rund 12 439 000 außerhalb des III. Reiches.

Auch hier ist es ganz augenscheinlich, dass die Schweiz mit rund 3 Millionen Deutschen auch in den Augen der Nationalsozialisten nie als Teil des Grenzlanddeutschtums angesehen wurde. Gleich diesem ist sie jedoch mit dem übrigen deutschen Sprachgebiet verbunden. Unklar ist auch, warum für Luxemburg nur 23 000 Deutsche angesetzt wurden, obgleich das Gebiet über 200 000 Deutschsprachige besaß.

Andere Gebiete weisen nur minimale Abweichungen mit den Angaben von 1927 auf. Besonders fällt hier ins Auge, dass auf Rücksicht auf das verbündete und faschistische Italien auf die Aufführung der dortigen deutschsprachigen Gebiete offensichtlich bewusst verzichtet wurde.

Siehe auch

  • Ethnische Deutsche

Literatur

  • Brockhaus, Friedrich Arnold (Hrsg.): Der Neue Brockhaus. Allbuch in vier Bänden und einem Atlas, F. A. Brockhaus Leipzig 1938, Band 1 A—E, Artikel "Deutsche".
  • Müller, Albert: Vorbereitungen für den erdkundlichen Unterricht, A. W. Zickfeld Verlag Osterwieck/Harz – Leipzig 1926.
  • Bitterling, Richard – Otto, Theodor: Erdkunde für höhere Lehranstalten, 1. Teil Einheitsausgabe Unterstufe: „Deutschland. Das Deutsche Reich und die deutschsprachigen Länder“, Verlag R. Oldenburg München – Berlin 1926.
  • Bitterling, Richard – Otto, Theodor: Erkunde für höhere Lehranstalten, 2. Teil Einheitsausgabe Unterstufe: „Europa. Länderkunde von Europa“, Verlag R. Oldenburg München – Berlin 1926.
  • Brauweiler, Heinz: Schule der Politik. Unterrichtsbriefe, Deutsche Hausbücherei Hamburg 1927.
  • Berschin, Helmut: Deutschland – ein Name im Wandel. Die deutsche Frage im Spiegel der Sprache, Analysen und Perspektiven, „Geschichte und Staat“ (Sonderreihe Band 1), Günter Olzog Verlag München–Wien 1979, ISBN 3-7892-7180-2.
  • Wenzler, Josef: Wirtschaftliche Erdkunde, Band I. „Das Großdeutsche Reich“, 5. Auflage 1941, neu herausgegeben vom Melchior Verlag Wolfenbüttel 2011, ISBN 978-3-942562-17-1.

Fußnoten

  1. Berschin, Helmut: Deutschland – ein Name im Wandel., S. 42.
  2. Wenzler, Josef: Wirtschaftliche Erdkunde, Band I Das Großdeutsche Reich, S 126.
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