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Westhoekflämisch, auch Französisch-Westflämisch (Frans-Vlaams) oder Vlaemsch „Flämisch“ (Eigenname), Substantiv, Neutrum, Sammelname, Sprachwissenschaft, Ethnografie, Soziologie. Bezeichnung südniederländischer Dialekte auf dem Staatsgebiet Frankreichs.

Westhoekflämisch gilt heute als dachloser Außendialekt des Niederländischen, dessen Gros des Grundwortbestandes sich aus dem Mittelniederländischen ableiten lässt und der stark durch die französische Kultursprache geprägt ist.

Seit den 1920er Jahren sind die französischen Südflamen bemüht, sich des modernen Niederländischen zu bedienen. Nach dem De-facto-Ende des II. Weltkrieges (1939–1945) wurde der nun als ethnonationalistisch geltende Vlaamsch Nationaal Verbond' „Flämischer Nationalverband“, der südflämische Kulturbund, verboten und aufgelöst. 1951, dem Jahr der Verabschiedung des Deixonne-Gesetzes (amtliche Definierung der anerkannten Minderheitensprachen Frankreichs), blieb Westhoekflämisch unberücksichtigt, da dessen „Hochsprache“ (Niederländisch) Staats- und Amtssprache in Belgien und den Niederlanden war.

Heute treten kleine belgische Wanderbühnen in Westhoek-Flandern auf und fördern dort damit indirekt den Bestand des Niederländischen.

Synonyme, Nebenformen

In der älteren germanistischen und niederlandistischen Fachliteratur wurden die niederländischen Dialekte Frankreichs häufig als Südflämisch bezeichnet.

Etymologie, Anwendung

Westhoekflämisch leitet sich von der geografischen Lage seines Sprachgebietes ab, der sich im französischen Westhoek, einem Teil Französisch-Flanderns, befindet. Verwendet wird der Sammelname zuweilen noch in der sprachwissenschaftlichen Sekundärliteratur, in der Fachliteratur gilt er inzwischen als obsolet.

Sprecherzahlen, Verhältnis zu sprachverwandten Sprachen

In den 1970er Jahren sprachen noch etwa 80 000 bis 120 000 Franzosen diese hier beschriebene Variante des Niederländischen.

Engste Verwandte des Westhoekflämischen stellt (neben Standardniederländisch) das Niederdeutsche dar, das wie Afrikaans und Englisch, aber auch wie Friesisch und die nordgermanischen Sprachen auf einer gemeinsamen Sprachstufe steht, die sich auf das Gemeingermanische zurückführen lässt.

Sprachgebiete, Fläche

Das traditionelle Sprachgebiet des Westhoekflämischen stellt der belgische und französische Westhoek dar. Derweil der Erstere Teil seit Ende des 19. Jahrhundert vom Neuniederländischen bzw. dem Standardniederländischen überdacht ist, war der Letztere nie Teil des modernen niederlandistischen Sprachgebietes.

Flächenmäßig umfasste er einst den gesamten Westhoek, doch in Frankreich befindet sich das Sprachgebiet seit Ende des 19. Jahrhunderts verstärkt in Auflösung.

Fremdsprachige Einflüsse

Aufgrund der seit mehreren Jahrhundert andauernden Zugehörigkeit des Westhoekflämischen zu Frankreich ist dieses stark von der französischen Dachsprache beeinflusst.

Alphabet, Aussprache, Grammatik, Orthografie

’t Vlaemsch en is niet geleerd in de schoolen van Fransch-Vlaenderen, ’t is eene schande voor d’overheid van der rechten der Vlaemsche kinders zoo te ontkennen. [...]
[1]
—   A. Lescroart in: "Vlaemsche Stemme in Vrankryk", Juli 1925.

Verschriftet ist Westhoekflämisch im lateinischen Standardalphabet. Seine Aussprache ähnelt am meisten den benachbarten belgischen Dialekten, derweil Grammatik und Orthografie einem eher mittelniederländisch anmutenden Duktus folgen.

Sprachgeschichte

Bis zur schrittweisen französischen Eroberung des heutigen Französisch-Flanderns (1662–1713) teilte Westhoekflämisch die Sprachgeschichte des Niederländischen. (→ Altniederländisch, Mittelniederländisch)

An der Entwicklung des Neu- und Standardniederländischen nahm diese Sprachvariante nicht teil, sodass Westhoekflämisch ein bedeutungsloser Regionaldialekt blieb.

Westhoekflämisch stellt zudem keine eigenständige westgermanische Sprache dar, sondern dessen Dialekte stellen Fortsetzungen der benachbarten westflämischen Dialekte Belgiens dar.

Seit 1853 ist das Schulwesen des französischen Westhoek ein französischsprachig und der offizielle Gebrauch des Niederländischen dort seit 1880 verboten. Allerdings bestand dort ein bescheidenes regionales Schrifttum weiter, das vom 1853 gegründeten Comité Flamand de France „Flämisches Komitee von Frankreich“ unterstützt wurde.

Als im Verlauf des 19. Jahrhunderts in den Niederlanden die niederländische Standardsprache (Allgemeen Beschaafd Nederlands) entwickelt und die auch auf den niederländischsprachigen Landesteil Belgiens ausgedehnt wurde, blieb Westhoekflämisch außen vor. Das moderne Niederländisch wurde in seinem Gebiet nie offiziell eingeführt. Daher schreiben Westhoekflamen seit Anfang des 19. Jahrhundert in einem Stil, der sich eng an kurzfristig in Belgien eingeführten Zuidnederlandsch „Südniederländisch“ orientiert.

Nachfolgend einige Wortbeispiele des Westhoekflämischen mit Übersetzungen:

een lytje „ein bisschen“, d’elde „die Epoche“, beien „warten“, zeuren „falschspielen“, een lofting „ein Garten“, een aendeloebe „eine Ente“, een rik „ein Rücken“, bezien „trachten“, vry „schön, hübsch“, boos „klug“, droef „böse“, een kookemaere „ein Alptraum“ (von picard. cauquemar bzw. franz. cauchemar), een klinkebelle „ein Glöckchen“, de leuringe van den avend „Abenddämmerung“, zoeteboomtei „Süßholz-Tee“, kavermyne „Kamille“, tullepooize „Tulpe“, kaffiemuuzel „Stoff-Kaffeefilter“

Siehe auch

Literatur

  • Heinz Kloss: Die Entwicklung neuer germanischer Kultursprachen seit 1800, Pädagogischer Verlag Schwann Düsseldorf 1978, ISBN 3-590-15637-6.

Fußnoten

  1. „Das Flämische wird nicht in den Schulen Französisch-Flanderns gelehrt, es ist für die Oberschicht eine Schande, die Rechte der flämischen Kinder zu zu missachten. [...]“
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